„Wer Alta sieht …“

14.09 | Tag 105

Am 14.September hatte ich Geburtstag und wünschte mir meine Familie und Freunde um mich herum. Stattdessen leisteten mir an diesem Tag 70 Huskys und drei Hundetrainer auf der von Bjorn Klauer geführten Huskyfarm am Altevatnet Gesellschaft. Um 8.00 Uhr begann der erste von drei Trainingsläufen an diesem Tag, um die Hunde allmählich auf die Laufdistanzen der im Winter durchgeführten Expeditionen vorzubereiten. Zu meinem Geburtstag durfte ich auf dem bereiften Sommerschlitten Platz nehmen. Justus, einer der Hundetrainer, spannte die unter gewaltiger Aufregung stehenden Hunde nach und nach vor den Schlitten und ich spürte wie sich eine gewaltige Kraft am Zugseil aufbaute. Die Bremsen des Schlittens lockerten sich und der Trainer gab den Hunden das Startkommando. Wahnsinn! Man spürte, dass die Hunde in ihrem Element waren, denn es entstand sofort eine harmonische Ruhe. Sie rannten und stillten ihren Bewegungsdrang. Nach drei Läufen mit unterschiedlichen Gespannen hatten alle Hunde ihre Trainingseinheit absolviert.
Um 18.00 Uhr fingen die Hunde gemeinsam an zu bellen und rannten wild im Käfig herum, da nun die Fütterungszeit bevorstand. Die Näpfe wurden mit Fleisch und Wasser gefüllt, die Käfige gereinigt und die Hunde anschließend mit viel Liebe und Zuneigung belohnt.

Da sich die Lieferung meines erwarteten Versorgungspaketes verzögerte, blieb ich noch einen weiteren Tag auf der Huskyfarm und verbrachte viel Zeit mit den Hunden, die mir in dieser Zeit ein wenig ans Herz gewachsen waren. Es war erstaunlich, wie diese es in kürzester Zeit schafften einem die gegebene Zuneigung zurückzugeben.
Ein wahrhaft schönes Gefühl! Björn Klauer beschreibt dies mit den Worten:

Ihr Reiz mag in den Gegensätzen liegen: die Wärme, die sie dem Menschen entgegenbringen und die Kälte, in der sie sich bewegen. Die Wildheit und Ursprünglichkeit und die dazu im starken Kontrast stehende Liebesbedürftigkeit.

Die Zeit auf der Huskyfarm war ein wunderbares Erlebnis auf meiner Wanderung, die ich lange in Erinnerung behalten werde. Irgendwann werde ich mit diesen Hunden durch die Winterlandschaften des Dividal Nationalparks fahren!. Ich freu mich schon darauf.

 

20.09 | Tag 111

Seitdem ich von der Huskyfarm in den Dividal Nationalpark aufgebrochen war, erlebte ich den Herbst weit oberhalb des Polarkreises in seiner vollen Pracht. Seien es die rauen, nebelverhangenen Berggipfel über 1000m Höhe oder die farbenprächtigen Birkenwälder in den Tälern. Dieser in der Region Trøms liegende Landstrich hat zu dieser Jahreszeit einen ganz besonderen Charme. Insbesondere die in traumhaften Landschaften eingebetteten und hervorragend ausgestatteten Wanderhütten. Ein wahrer Hüttentraum! In jeder dieser Hütten hätte ich mehrere Tage verbringen können, um in die Ferne zu schauen und die Aussicht zu genießen.

 

27.09 | Tag 118

Temperaturen zwischen 2 – 4°C, starker Wind und tiefhängende Wolken. Dieses Wetter prägte sowohl die letzten Tage, als auch einige Entscheidung meinerseits. (siehe Video)

Die Nedrefosshytta im Reisdalen war meine letzte Wanderhütte auf dem Weg zum Nordkap. Diese wird auch gerne vom norwegischen Königspaar besucht und so war es die Königin höchstpersönlich, die eine Sauna am Fluss neben der Hütte orderte.
Meine Vorstellung einen ruhigen und gemütlichen Abend im warmen zu verbringen und den letzten Hüttenaufenthalt in Ruhe zu genießen, wurde zunächst von sechs Jägern, die die Hütte ebenfalls nutzen, nicht erfüllt. Diese waren noch auf der Jagd als ich dort ankam und mich entschied mein Zelt unten am Fluss vor der Hütte aufzubauen. Als die sechs Jäger wieder ankamen und mich begrüßten, dauerte es keine halbe Stunde bis ich das erste Bier in der Hand hielt und mit der Runde anstieß. Entgegen meiner Erwartungen war dies ein sehr schöner Hüttenabend mit viel Alkohol, einer warmen „königlichen“ Sauna und frischen Rentierfleisch. Zwei luftgetrocknete Stücke von diesem gaben sie mir mit auf den Weg. Ich hoffte, dass die Jäger in den nächsten Tage auch noch Glück auf der Jagd haben würden, denn bis Dato hatten sie lediglich von Elchspuren, aber keinen Tieren gesprochen. „SHIT JAKT“, so die weidmännischen Grüße auf norwegisch.

 

29.09 | Tag 120

Von der Nedrefosshytta im Reisdalen bis nach Alta waren es ungefähr vier Tagesmärsche über das Nábár, einem Hochplateau, auf dem keine Wanderwege oder Hütten zu finden sind. Ein absoluter Outdoor-Traum für den abenteuerbewussten Wanderer. Seit der Planung der Route hatte mich schon besonders auf diesen Abschnitt der Wanderung gefreut. Jedoch ging ich auch mit einem etwas mulmigen Gefühl in dieses Gebiet, da ich bereits seit vier Tagen keinen Empfang mehr hatte und somit nicht die aktuellen Wetterverhältnisse prüfen konnte. Schon die ortskundigen Jäger in der Nedrefosshytta hatten mich darauf hingewiesen, dass es auf diesem Hochplateau zu dieser Jahreszeit über Nacht bis zu 40-50 cm Neuschnee geben könnte.
An diesem Tag überraschte mich jedoch kein Neuschnee, sondern sehr starker Wind. Mitten im Nirgendwo lag ich, nach meinem 30minütigem Zeltaufbau, weitere drei Stunden starr nach oben schauend im Zelt und hoffte, dass dieses auch stehen bleiben würde. Ich würde behaupten, dass mein Zelt den Windtest definitiv bestanden hatte.

 

01.10 | Tag 122

Auf dieser Reise habe ich u.a. gelernt, dass ein Ziel erst dann erreicht ist, wenn es tatsächlich erreicht ist. Ich betrachte daher die folgenden Worte von Martin Kettler, der sich in diesem Jahr ebenfalls seinen Traum von Norge på langs erfüllt hatte und in einer E-Mail eine mögliche Route durch das Nábár nach Alta beschrieb, mit nur einem winzigen Hauch von Skepsis:

Wenn Du am nächsten Tag den kleinen Hügel vollends bestiegen hast, wirst Du die Bucht von Alta und deren Häuser sehen. Hier ist es Zeit, den Rucksack abzunehmen, die Arme auszuspreizen und so laut zu schreien wie Du kannst, denn……. DU HAST ES GESCHAFFT !!
Ein ungeschriebenes Gesetz der NPL Läufer heißt denn auch, wer Alta sieht, hat Norge på langs geschafft!

Wie soll ich es formulieren? Stellt euch einfach vor, wie ich auf einem Berg stehe und durch ein Tal das blaue Wasser von Alta sehe, meine Hände zu Fäusten balle, meine Arme in die Höhe strecke und einfach nur schreie. Ein wahnsinnig schöner Moment!

In den letzten Tagen habe ich realisiert, dass die Zeit auf meiner Wanderung bald vorbei sein wird. Die restlichen Tage, die ich noch für die etwa 250km von Alta bis zum Nordkap benötigen werde, werde ich nutzen um meine Gedanken zu sortieren, Erlebnisse und Begegnungen einzuordnen und die immer größer werdende Vorfreude auf meine Familie und Freunde zu genießen.

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