Wenn der Traum endet.

10.10 | Tag 131

131 Tage nach den ersten Schritten am Leuchtturm in Lindesnes war der 10. Oktober 2015 der letzte Tag meiner Wanderung durch Norwegen. Viereinhalb Monate führte ich ein Leben in und mit der Natur.

Um 6.30 Uhr schloss ich die Tür des Wanderheims in Honningsvåg hinter mir. Nun waren es noch 32 km bis zum Nordkap und bis zu dem Augenblick, der mir seit meiner Entscheidung für das Wanderabenteuer „Norge på langs“ nicht mehr aus dem Kopf ging: der Augenblick, in dem ich mit erhobenen Armen auf das Wahrzeichen, die stählerne Weltkugel, am nördlichsten Punkt Europas zulaufe.

Der Beginn der letzten Etappe führte mich einige Kilometer am Nordmeer entlang. Die ersten wärmenden Strahlen der aufgehenden Sonne schafften es über die Berggipfel der Nordkapinsel Magerøya. Das Wetter war an diesem Tag perfekt für die Ankunft am nördlichsten Festlandspunkt Europas.

Nach ca. 6 km verlief die Straße in Serpentinen in die höheren Bergregionen und dort eröffnete sich mir eine atemberaubende Winterlandschaft. Einige Male hielt ich inne, um die wunderschöne Aussicht über die verschneiten Gipfel zu genießen. In diesem Moment, nur noch wenige Kilometer von meinem Ziel entfernt, breitete sich ein sehr intensives Gefühl in mir aus. Immer wieder sagte ich mir: „Tony, du hast es geschafft!“ Ich schrie meine Glücksgefühl in regelmäßigen Abständen in die Weite, ballte meine Fäuste und ließ mich von der immer stärker einsetzenden Freude überwältigen. Die Kilometer vergingen wie im Fluge und plötzlich erblickte ich das Dach des Besucherzentrums.

Fünf Kilometer vor dem Ziel war es mir ein inneres Bedürfnis meine Wanderschuhe auszuziehen, sie über meine Schultern zu hängen und die letzten Kilometer zu tragen. Im Nachhinein ist es ein seltsames Gefühl einem Gegenstand einen derartigen Respekt zu zollen. Jedoch war es für mich fünf Kilometer vor dem Ziel das Normalste der Welt.

Mit den Schuhen auf meinen Schultern und der norwegischen Landesflagge in der Hand passierte ich den großen Besucherparkplatz, der zu dieser Zeit mit lediglich vier Fahrzeugen belegt war.

Gegen 14.30 Uhr bog ich um die Ecke des Besucherzentrums und erblickte die stählerne Weltkugel. Die letzten Meter bis zur Weltkugel waren unbeschreiblich. Anstatt auf das weite Nordpolarmeer zu schauen, lehnte ich mich an den Zaun in Richtung Süden und ließ mich von meinen Emotionen leiten. Diese Minuten waren unendlich befreiend, so dass ich das anschließende obligatorische Bild an der Weltkugel in vollen Zügen genießen konnte.

Entgegen meiner Vorstellung dort einige Stunden zu verweilen, musste ich mich schnellstens um eine Möglichkeit bemühen wieder in das 30 Kilometer entfernte Honningsvåg zu gelangen. Laufen war keine Option mehr. Die Besitzer eines der vier Autos auf dem Parkplatz nahmen mich zu meiner Erleichterung mit. Ich schaute auf der Rückfahrt permanent aus dem Fenster und erzählte den beiden Mitfahrern zugleich meine Geschichte von „Norge på langs“.

Als ich wieder in meinem Wanderheimzimmer ankam, hatte ich das unbändige Bedürfnis meine Freude zu teilen. Gerne ich hätte mit jemanden abgeklatscht, eine Umarmung erhalten oder mein Bier mit jemanden geteilt, jedoch war ich der einzige Gast. Nach einer heißen Dusche, gefolgt von einigen erfrischenden Getränken fiel ich erschöpft ins Bett.

11.10 | Der Tag danach

Als ich die Augen wieder öffnete, wusste ich, dass der Traum vorbei war. Meine komplett im Herbergszimmer verteilte Wanderausrüstung erinnerte mich jedoch daran, dass es mir vergönnt war diesen Traum leben zu dürfen.

131 Tage bestand mein Lebensinhalt ausschließlich darin zum Nordkap zu wandern. Ab dem heutigen Tag war das Leben wieder um ein vielfaches komplizierter.

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