„Pe-Torsa“

09 August | Tag 70

Es war diese charmante Dame, die eigentlich Roland hieß und der Ladeninhaber der Kveliabua war, die mich am Samstag zwei Stunden nach Ladenschluss im Dorfladen von Kvelia empfing. Viele in der Umgebung kennen ihn im Frauenkostüm und mit hoher quietschender Stimme.

Ein Ortsansässiger aus Nordli (11km vor Kvelia) hatte Roland angerufen, um  ihm von einem bald an Kvealia vorbeikommenden Wanderer zu berichten, der dabei sei Norge på langs zu laufen.

Ein jedermann, der  dieses Abenteuer wagt, ist ein gern gesehener Gast in der „Kveliabua“, wobei dieser mit Kaffee und Kuchen verköstigt und mit neuen selbstgemachten Einlegesohlen ausgestattet wird.

Ich hatte es im Gefühl, dass dieser Ort etwas Besonderes sein musste und als ich Roland nach „Pe-Torsa“ fragte, wurde dieses  Gefühl bestätigt.

Seit dem Jahr 2000 setzen sich an jedem letzten Augustwochenende bis zu 7000 Menschen in Bewegung, um in Kvealia sechs Aufführungen das Freilufttheater „Pe-Torsa“ zu bestaunen.

„Pe-Torsa“ erzählt die Geschichte einer auf einem Bauernhof lebenden Familie, die auf eine witzige und überspitzten Art und Weise Probleme und Streitigkeiten der Dorfgemeinschaft erzählt, wobei ebenfalls Themen wie, wie die Nachbarschaft zu Schweden und die genaue Begrenzung der Jagdreviere zwischen Kvelia und den Nachbarorten angesprochen werden. Bei den Schauspielern handelt es sich um Laiendarsteller  aus Kvelia wie Roland, dem “Butikkbesitzer“. Roland erzählte mir,  dass es für diese Veranstaltung lediglich  Freikarten für über 90jährige gäbe , jedoch jeder Deutsche, der  ZWEI Mal Norge på langs laufen und sich im Gästebuch der Kveliabua eintragen würde, eine Freikarte für dieses Freilufttheater  bekäme. Laut Rolands Aussage hätten sich das bisher nur zwei Personen verdient. Einer der beiden ist Simon von Simon på tur, der im Sommer 2012 und im Winter 2015 das Abenteuer Norge på langs betstritten hatte. Ich muss zugeben, dass ich mir ebenfalls sehr gerne, dieses Spektakel anschauen würde. Wenn es die Karten unter diesen Umständen umsonst gibt, warum nicht?

 

13 August | Tag 74

Am gestrigen Tag fuhr ich mit dem Boot über den Namsvatnet, um meine Wanderung durch das Børgefjell fortzusetzen. Der Augenblick als ich am nördlichen Ufer ankamen und das Feuer vor der offenen (Not-)Hütte qualmte, war wieder einer dieser Momente, in dem ich am liebsten meine Reise zum Nordkap unterbrochen hätte, um dort für mehrere Tage zu verweilen und und die Schönheit und Abgeschiedenheit dieses Ortes zu genießen.

Der Winter wird jedoch  auch in diesem Jahr  kommen und lässt mir in solchen Momenten keine andere Wahl als meine Reise fortzusetzen. Am nächsten Morgen hingen die Wolken tief und es regnete ununterbrochen. Mit  Karte und Kompass, meinen wichtigsten Navigationsmitteln, musste ich mich durch das Børgefjell kämpfen, auf dem die Sicht zwischenzeitlich auf 50 Meter beschränkt war. Als ich gegen 13.00 Uhr auf die Uhr schaute, stand ich bereits das zweite Mal bis zur Hüfte in kompletter Ausrüstung in einem reißenden Bach. Der starke Schneefall im Frühjahr, hielt die Pegel der Bäche noch immer hoch. Der aus meiner Sicht abenteuerlichste Tag endete mit diesen Erlebnissen. Ich stellte mein Zelt durchnässt und frierend im Nirgendwo auf und stieg nach einer warmen Mahlzeit und der Hoffnung auf besseres Wetter, in den warmen Schlafsack und schlief ein.

In der Nacht bemerkte ich, wie sich das Wetter beruhigte und als ich am nächsten Morgen aus meinem Zelt stieg, war ich kurz sprachlos: Bei  herrlichstem Sonnenschein bot sich mir ein wunderbarer Blick auf das Gletschermassiv Kvigtinden. So könnte jeder morgen beginnen!

19 August | Tag 80

Ja, ich hatte mir den Wecker für diesen Morgen auf 5.00 Uhr gestellt, denn die  letzte Tageswanderung bis nach Umbukta, dem Ziel der zweiten Etappe meines Abenteuers, war sehr lang. Zudem  konnte ich auf der  Wanderkarte feststellen, dass ich direkt an einem Ausläufer des Okstindbreen (Gletscher) vorbeilaufen würde. Ich stellte mir vor, wie schön es dort am Morgen bei noch tief stehender Sonne sein müsste.  Als ich nach etwa 7 km den Gletscher zum ersten Mal erblickte, war ich sprachlos. Um mich herum herrschte absolute Ruhe, die Sonne schien,wärmte bereits zur frühen Morgenstunde und das smaragdblaue Eis schimmerte durch die ansonst so weiße Oberfläche. Einen  Anblick wie diesen hatte ich  zuvor noch nie gesehen. Er zauberte mir ein breites Lächeln ins Gesicht. Durch die Eindrücke beflügelt und mit dem Wissen am heutigen Abend das Ziel der zweiten Etappe von Norge på langs zu erreichen, lief ich völlig entspannt den Rest des Tages nach Umbukta. Einer dieser Tage, die ich nicht vergessen werde!

20 August | Tag 81

Umbukta zu Fuß aus eigener Kraft erreicht zu haben, bedeutete mir viel. Als ich gestern in den Abendstunden ankam, wurde ich freundlich empfangen. Ein jedermann, der Norge på langs läuft, darf in der Umbukta Fjellstua eine eigene kleine Hütte beziehen und dort die erste Nacht gratis verbringen. Den heutigen Ruhetag verbrachte ich damit, dass ich in das nahegelegene Mo i Ran fuhr, einige Besorgungen erledigte und viel Essen kaufte. Zurück in meiner kleinen Hütte schlief ich ein wenig bis es plötzlich an der Tür klopfte und eine junge Dame und ein junger Mann davor standen. Es waren Melissa aus den Niederlanden und Jakob aus Regensburg. Das unglaubliche an dieser Begegnung war, dass die beiden ebenfalls Norge på langs liefen, jedoch zwei Tage vor mir in Lindesnes gestartet waren. Sie wussten, dass es mich gibt und dass ich kurz vor ihnen laufen müsste. Ich dachte immer ich wäre der einzige Mensch, der diese wunderbare Reise durch Norwegen unternimmt und ahnte nicht, dass die Beiden knapp hinter mir liefen.

Wir unterhielten uns bei einem herzhaften Hamburger und Schokopudding aus der Küche der Fjellstua über unsere Erlebnisse. Ich hoffe sehr, die Beiden auf den Weg zum Nordkap ein weiteres Mal zu treffen.

 

24 August | Tag 85

Kurz vor dem Polarkreis heißt es die nächsten fünf Tage zu pausieren, den Körper etwas Energie zukommen zu lassen, sich auszuruhen und sich auf die letzten gut 1000 km zum Nordkap vorzubereiten.

 

 

Die aktuellen Bilder findest du hier!

Comments ( 2 )
  • Nicole says:

    Like it! Echt krass, dass du jetzt schon so einen großen Teil der Strecke hinter dir gelassen hast. Weiter so!

    • dervondraussen says:

      Mit jedem Blick auf die Karte betrachte ich den zurückgelegten Weg und kann es kaum glauben, dass ich das alles zu Fuß gelaufen bin. Das letzte Drittel hat begonnen, die Tage werden kürzer, die Nächte kälter und ich erwarte schon bald den farbenfrohen Herbst. Ich mache weiter, versprochen!

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