Norge på langs | So fühlt sich LEBEN an …

19 Juli | Tag 50

Tynset Bahnhof: Mit einem breiten Grinsen empfing ich Florian, einen Freund aus der Heimat. Er wird mich neun Tage auf meinem Weg gen Norden begleiten. Ich freute mich, nach der tollen Zeit mit Filip, schon sehr auf die gemeinsamen Kilometer mit Florian.

 

22 Juli | Tag 53

Es ist 19.00 Uhr als wir auf dem Zeltplatz etwas außerhalb des Stadtzentrums von Røros einchecken, den wir eigentlich bereits zwei Stunden zuvor erreicht haben wollten. Unterwegs waren wir jedoch vom markierten Weg abgekommen und mussten uns durch etwas schwierig zu laufendes Terrain kämpfen. Auf der Terrasse der Rezeption saß Arne und erkundigte sich nach unserer Wanderung. Ein weiterer Regenschauer nährte sich währenddessen, doch wir mussten unbedingt noch ins Stadtzentrum um einige Lebensmittel zu besorgen. Arne bot sich ohne Aufforderung an, uns zum Coop Markt zu fahren. Wieder einmal ein uneingeschränkt freundlicher Mensch zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Am nächsten Morgen, kurz bevor wir uns auf den weiteren Weg machten, verabschiedete ich mich von Arne. Wir tauschten unsere E-Mail Adressen aus und er schenkte mir sein Armband (Glücksbringer) und wünschte mir viel Glück für die weitere Reise in Richtung Norden.

 

23 Juli | Tag 54

Ein dumpfes Geräusch. Ich mache die Augen auf, nehme die Ohropax heraus. Das Geräusch wird klar und deutlich. Es ist sind Regentropfen, die an der Zeltwand zerschellen. In diesem Moment hätte ich die Ohropax wieder ins Ohr stecken, die Augen schließen und mehrere Stunden weiter schlafen können. Doch an Schlaf war nicht zu denken, denn dieser Tag sollte ein besonderer werden. Gegen 9.00 Uhr brachen wir auf, folgten einer kleinen Nebenstraße in Richtung Norden und liefen bei einsetzendem Regen fernab von jeglichen Wegen durch ein kleines Tal. Nach acht Stunden Fußmarsch und nassen Füßen lagen noch sieben Kilometer Straße und fünf Kilometer Wanderweg bergauf bis zur Kjølihytta vor uns. Der Abstand zwischen Florian und mir wurde immer größer. Jeder von uns ging nun sein eigenes Tempo und versank in tiefen Gedanken. Teilweise dachte ich nichts und stellte mir im nächsten Moment den heißen Ofen in der Hütte und den bevorstehenden Ruhetag vor. Nachdem die Hälfte der letzten fünf Kilometer bergauf gewandert waren, setzte die Dunkelheit ein und der Wind blies uns um die Ohren. Gegen 23.30 Uhr erreichten wir endlich die Kjølihytta und gingen nach einer heißen Brühe  in der warm werdenden Hütte sofort ins Bett. Bei bestem Wetter wurden wir am nächsten Morgen  durch die fabelhafte Aussicht für die Qualen am Vortag entschädigt. Nicht nur die Füße, sondern auch der Kopf benötigten einen Ruhetag.

Kjølihytta: Ein verdienter Ruhetag in einer wunderschönen Umgebung

 

26 Juli | Tag 56

Es ist Sonntagabend. Es regnet schon den ganzen Tag. Eigentlich der perfekte Zeitpunkt, um sich vor den Fernseher zu setzen und Tatort einzuschalten. Doch Florian und ich hatten noch vier Kilometer bis zur Schulzhytta im Skarvan-Roltdalen Nationalpark vor uns, in dem noch zwei Flüsse, die nur mit hochgekrempelter Hose und barfuß zu überqueren waren, lagen.

Komplett durchnässt standen wir später am gegenüberliegenden Ufer, klatschen uns in die Hände, zogen die nassen Schuhe wieder an und machten uns auf den weiteren Weg zur Hütte.

Der Gedanke um den Tatort ging mir nicht mehr aus dem Kopf und ich stellte mir vor, wie viele von euch und auch ich in einer warmen Wohnstube auf dem Sofa dem Krimi folgen würden.

In diesem Moment hatte ich das unbeschreibliche Gefühl intensiv zu leben.

Möglicherweise lag es daran, dass ich vollkommen durchnässt bergauf und bergab durch eine wolkenverhangene, aber dennoch einmalige Landschaft wanderte, mir die Beine schmerzten und ich mich sehnlichst auf das warme Essen in der bedienten Schulzhytta freute. Vielleicht war es die Tatsache, dass ich das beschriebene erleben durfte und eben nicht mit einer Flasche Bier auf dem warmen Sofa in die Röhre schaute? Ich habe bis heute noch keine Antwort darauf gefunden.

Nach dem wir sehr freundlich von einer jungen Dame auf deutsch in der Schulzhytta begrüßt wurden, saßen wir 15 Minuten später am Tisch und ließen es uns gut gehen. Das sind diese Momente, in denen mir bewusst wird, warum ich diese Wanderung unternehme. Unglaublich müde berichtete ich den anderen acht Gästen und den drei Damen vom DNT von meiner Wanderung zum Nordkap. In diesem Haus herrschte von der ersten Minute unserer Ankunft eine absolut harmonische Atmosphäre. Ein beeindruckender Ort, völlig abgeschieden von der Außenwelt, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Schulzhytta: Ein Ort voller Harmonie

 

27 Juli | Tag 57

Ein weiterer Grund warum diese Reise etwas ganz besonderes ist:

An unserem letzten gemeinsamen Tag wanderten Florian und ich nach Meråker. Wir wollten hier einen in der Karte eingezeichneten Zeltplatz aufsuchen. Wir erkundigten uns bei einer Radfahrerin nach dem Weg zum Campingplatz, die uns mitteilte, dass dieser nicht mehr in Betrieb sei. Daraufhin wählte Sie eine Nummer und organisierte uns einen Schlafplatz. „Um 21.00 Uhr holt euch Bjørn von der Tankstelle im Ort ab. Er hat einen Platz auf seinem Bauernhof, wo ihr zelten und duschen könnt“. Läuft doch, dachte ich mir. Um 21.30 Uhr bauten wir unser Zelt auf einen Hof oberhalb von Meråker auf und genossen die untergehende Sonne. Mit Bjørn, der bereits Rentner ist und der englischen Sprache wenig mächtig war, redeten wir die ganze Zeit auf norwegisch, obwohl sich meine Norwegisch-Kenntnisse auf ein paar Brocken beschränken. Es war egal, denn wir verstanden uns bestens.

Die Begegnungen mit den Menschen und deren Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft machen diese Reise zu etwas Unvergesslichem.

Comments ( 3 )
  • Tini says:

    Hallo Toni!

    Ich lese deine Einträge sehr gern und freue mich, dass du so viel Schönes erlebst und so wunderbare Erlebnisse und Bilder mit uns teilst! 🙂
    Es macht großen Spaß, dir zu folgen.

    Liebe Grüße!
    Tini

    • dervondraussen says:

      Hi Tini,

      freut mich, dass dir die Beiträge gefallen. Es ist nicht so einfach die Erlebnisse in Worte zu fassen. Heute bin ich 20 km die Straße entlang gelaufen und es haben zwei Autos angehalten, um sich nach meinem Weg zu erkundigen. Als das Wort Nordkap fiel, wurde jeweils ein längeres Gespräch daraus. Ich kann dann immer die Begeisterung der Leute spüren. Ein sehr schönes Gefühl. Wenn ich zurück bin, erzähle ich euch alles. Liebe Grüße.

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