Norge på langs | Ich kann es …

19 Juni | Tag 21

Nach eineinhalb Tagen Ruhe geht es nun endlich wieder in die Natur. Das erste Versorgungspaket mit Lebensmitteln hat mich erreicht und ist im Rucksack verstaut. Am Morgen packe ich meine Ausrüstung zusammen und merke bereits nach den ersten gewanderten Kilometern das Gewicht des prall gefüllten Essensacks. Ich bemerke auch das Gefühl, das in mir aufkommt, wenn es für mehrere Tage in die Natur geht. Es ist eine Mischung aus Freude und Aufregung. Zum ersten Mal zu Fuß in den Weiten Norwegens unterwegs, stelle ich mir des Öfteren die Frage, was mich da draussen wohl erwartet. Diesmal durchwandere ich den östlichen Teil der Hardangervidda von Rjukan nach Geilo.

Am frühen Abend erreiche ich erschöpft die Helberghytta und treffe dort Ole. Ein schlanker, braungebrannter Mann mit eingefallenen Wangen. Er macht den Eindruck als würde er schon sehr lange „På Tur“ sein. In den ersten Minuten unserer Unterhaltung wirkt er etwas verwirrt und unsicher. Vielleicht liegt es daran, dass er schon längere Zeit keinen Menschen mehr gesehen hat. Meine Vermutung sollte sich bestätigen. Ole ist am 04.April am Nordkap gestartet und nun auf den letzten Kilometern seines Abenteuers von Norge på langs. Was für eine unglaubliche Begegnung. Mit zunehmender Dauer des Gesprächs werden wir beide sicherer und tauschen uns über viele Erlebnisse aus. Ole hat natürlich viel mehr zu erzählen und berichtet nach der anfänglichen Zurückhaltung ausgiebig.

Ole und ich. Norge på langs südwärts und nordwärts.
Ole. Start am 04.April 2015 vom Nordkap.

Ich hoffe, dass ich am Ende meiner Reise nicht so mager daherkomme wie Ole, jedoch mit mindestens genauso vielen spannenden Momenten in der Natur wie die seinigen.

20 Juni | Tag 22

Während ich die Helberghytta am Horizont noch erkennen kann, schießt mir eine Gedanke durch den Kopf: „Hast du die Gaszufuhr zum Herd in der Hütte abgestellt?“ Ich war mir sicher, sie nicht verschlossen zu haben. Das ist ungefähr so, wie mit dem Bügeleisen, wenn es in den Urlaub geht. Ich entscheide mich wieder umzukehren, nehme jedoch den direkten Weg abseits des markierten Pfads. „Hmmm, sieht aus wie eine große Pfütze, die ca. 10 cm unterhalb der Wasseroberfläche mit Gras bewachsen ist. Was nun?“ Ich will die Gasherd-Thematik natürlich schnell erledigen und wage den ersten Schritt auf das Gras. Als ich das zweite Bein nachziehe, merkte ich, dass das erste schon bis zum Knie versunken ist. Ich muss so schnell wie möglich aus diesem Sumpf heraus. Bis zur Hüfte im Sumpf steckend kann ich mich auf sicheren Boden retten. Im ersten Moment habe ich mich gefragt, ob das jetzt gerade wirklich passiert ist und welche Folgen das gehabt hätte, wenn diese anscheinend harmlose Pfütze etwas größer gewesen wäre.

Eins steht fest: In Zukunft bin ich bei solchen Sachen etwas vorsichtiger.

24 Juni | Tag 26

8.30 Uhr: Das erste Stück Schokolade wurde gerade verspeist. Es sollen an diesem Tag noch einige Stücke folgen. Dieser Tag wird der letzte von sechs unvergesslichen Tagen in der Hardangervidda sein. Ich bin über Schneefelder gewandert, Stand an Flüssen, an denen ich vergeblich eine Brücke gesucht habe und habe einen Eindruck davon bekommen, wie gerne die Norweger in der Natur unterwegs sind.
Noch 12 Kilometer bis Geilo.

Es sind noch zwölf Kilometer bis Geilo, dem Ziel der ersten Etappe dieser so wunderbaren Reise. Es waren bisher die zwölf schönsten Kilometer. Trotz der bereits achtstündigen Wanderungen, laufe ich leichten Fußes den Berg hinunter in Richtung Geilo und mir wird bewusst, dass ich es kann. Ich kann es! Ich kann über einen längeren Zeitraum die tägliche Belastung aushalten. Ich kann es genießen längere Zeit alleine in der Natur zu sein. Ich kann auf widrige Wetterumstände reagieren und ihnen die Stirn bieten. Ich kann mich motivieren diese Reise immer weiter Richtung Norden voranzutreiben. Ich kann es! Eine tiefe Zufriedenheit erfüllt mich, während dieser zwölf Kilometer.

Um 21.00 Uhr erreiche ich den Zeltplatz in Geilo, jedoch nicht ohne zuvor einen Supermarkt zu besuchen. 260 NOK, das entspricht ca. 30€ ausschließlich für Schokolade und Kekse. Jetzt ist das Glück vollkommen!

 

Alle Bilder aus der Hardangervidda findet ihr hier.

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